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4 April 2018
Irene Donatoni

Von Triest bis Grado: Wandern mit dem Matador

Meine Arbeit hat mich etwas Grundlegendes gelehrt: Tagebücher, Posts, Artikel sind sofort zu schreiben. Meine Hüften tun mir noch weh, die Wangen brennen, das Lächeln ist noch da. Ist das sofort genug? Wir wanderten drei Tage gemeinsam, legten über siebzig Kilometer zu Fuß zurück, teilten Essen und Wein.

Die Etappen lagen von Anfang an fest. Opicina – Medeazza, Medeazza – Isola della Cona, Isola della Cona – Grado. Meine Weggefährten sind etwas Besonderes. Ich begleite nämlich die Teilnehmer der „Scuola di cinema senza sedie“ (Kinoschule ohne Stühle), eine vom Premio Mattador geförderte Initiative, bei der sich die Weggespräche hauptsächlich um Inszenierungen, Montagen, Lichter, usw. drehen.

Die Protagonisten sind die beiden Gewinnerinnen des an „Visioni in movimento“ (Visionen in Bewegung) gebundenen Projekts. Isabella Aquino (Avellino) und Ludovica Mantovani (Venedig) gewannen die Möglichkeit – umgeben von Fachleuten wie dem Regisseur Matteo Oleotto, dem Dokumentarfilmer Alessandro Rossetto und dem Location-Manager der FVG Film Commission Gianluca Novel – einen Film über ihre Wanderung zu realisieren.

Freitagmorgen treffen wir uns am Fuße eines unsichtbaren Obelisken von Opicina. Unsichtbar, weil er ganz vom Nebel verhüllt war. Nach den üblichen Vorstellungen nehmen wir die via Napoleonica in Angriff, unter Freunden auch „La Vicentina“ genannt. Bis Prosecco ist das Meer nicht zu sehen, es grenzt schon an ein Wunder, dass wir unsere Gesichter ausmachen können. Und doch ist es so in Ordnung, der Nebel schafft Atmosphäre und hilft uns dabei, langsam und behutsam völlig wach zu werden, denn wir sind alle noch ein bisschen verschlafen.

Bei den für die Triester Bergsteiger als Klettergarten berühmten Kletterwänden machen wir Halt. Ein Team des Fernsehsenders Rai ist gekommen, um eine Sendung über den Event zu drehen. Dann fährt es mit dem Auto wieder weg. Wir bleiben im Nebel zurück. Aber nicht mehr lange, denn in Prosecco und Santa Croce verlässt uns das schlechte Wetter. In Sistiana, nach der Via della Salvia (Salbeiweg) gelingt es mir sogar, Fotos bei Sonnenschein zu machen. Links der Hafen, rechts das Schloss Duino. Mit einem Brötchen in der Hand beginnen wir, uns näher kennenzulernen.

„Was machst du im Leben?“, „Wo lebst du?"... und vor allem beginnen wir, im Dialekt zu sprechen, vorwiegend im Triestiner, was alle Hierarchien aus dem Weg räumt. Einige Kilometer später empfängt uns San Giovanni al Timavo mit dem Gurgeln seiner Quellen. Wir treten in die Kirche ein und finden eine Dame vor, die uns ihre Geschichte und Geschichten über den Ort erzählt. Ludovica ist ganz besonders interessiert, denn das Thema ihres Projekts dreht sich um die Neuentdeckung lokaler Legenden. Einer der beiden Komponisten, die uns begleiten, Simone Biasiol, beginnt die Orgel zu spielen, und verleiht so dem Moment noch mehr Erhabenheit. Wir können noch ein paar Minuten das Bodenmosaik hinter dem Altar bewundern, bevor wir das letzte Stück hinaufgehen. Dann warten wir nur noch darauf, bald das Schild Medeazza/Medjevas zu sehen.

Was uns erwartet, ist der Grappa von Frau Patrizia des Agriturismo, in dem wir übernachten. Wir heben unser erstes Glas und grüßen den traditionellen Gemälden von Franz Josef und Sissi zu. Auf den Anhöhen des Karsts, in den Osmize fließt der Wein in Strömen. Und wir haben daran teil. Auch wenn wir müde sind, auf den Roten kann man einfach nicht verzichten. Wir erzählen den Gewinnerinnen die Geschichte und die soziale Rolle der Osmize (aus dem Slowenischen „osem“, acht, also die acht Tage, an denen unter dem österreichisch-ungarischen Reich diese Schänke öffnen durften, um das Produkt ihrer Rebstöcke zu verkaufen). Die soziale Rolle erleben wir selbst, indem wir an der Geselligkeit teilhaben.

Es wird Mitternacht und später. Dann wird es dunkel. Zweiter Tag. An dem Isabella den Schützengräben und ihrer historischen Bedeutung gegenübersteht. Die Veranstalter und Koordinatoren des Projekts, Piero Caenazzo und Giulio Kirchmayr, nahmen den Themenpark zum Großen Krieg in Monfalcone in das Projekt auf. Wir erzählen ihr, was in diesem Gebiet vorgefallen ist, während Alessandro ihr dabei hilft, sich vorzustellen, wie sie das Ganze am besten im Film verarbeitet. Ausgehend bei den weniger von den Gegebenheiten betroffenen Unterkünften bis zur Quota 85 und dem Enrico Toti gewidmeten Denkmal aus der Faschistenzeit. In Monfalcone ist alles eine andere Welt. Die Bar, in die wir einkehren, wird von einigen Pakistanern der Werften geleitet, eine Gemeinschaft, die im Gebiet eine gewisse Bedeutsamkeit hat.

Die handwerkliche Segelmacherei hingegen ist seit Generationen in den Händen einer einheimischen Familie. Isabella und Ludovica hören den ganzen Weg zu, fotografieren und werten aus. Wir haben noch viele Kilometer von der Segelmacherei zur Schutzhütte der Isola della Cona und vielleicht ist es gerade das Nachdenken über die eingeholten Informationen, die sie davor bewahrt, den Schmerz wahrzunehmen, den alle anderen der Gruppe von der Fußsohle bis zum Rücken aufsteigen spüren. Die Schauspielerin Rossana Mortara wird ein wenig von ihrem Hund Mario mitgezogen, unsere unermüdliche Maskotte. Bis zur Schutzhütte im Naturreservat sind es nur noch wenige Stufen, aber sie scheinen mir der Everest zu sein. Wir stürzen uns auf die Sofas. An die Schönheit der Kanäle und der Isonzo-Mündung werden wir morgen denken, jetzt fehlt uns die Kraft dazu.

Beim reichlichen Abendessen mit lokalen und anderen Gerichten, vom Frico über die Pasta mit Pesto zur Gubana schöpfen wir neue Kräfte. Einem anderen Tutor der Gruppe, Stefano Schiraldi, gelingt es sogar, eine Gitarre in die Hand zu nehmen und Triester und Görzer Lieder anzustimmen. Er entlockt so allen ein Lächeln. Dann wendet er sich an Isabella, die vom Gestein der Schützengräben so beeindruckt war, und präsentiert ihr das Lied, das er über die Texte eines unserer regionalen Mythen, Paolo Rumiz, komponiert hat und das dem Siebenundneunzigsten Regiment gewidmet ist, dem aus Italienern, Slowenen und Kroaten der adriatischen Küste des Reichs bestehenden, die in österreichisch-ungarischer Uniform in Galizien kämpften.

Ich balle die Faust, um die Tränen zurückzuhalten, denn Worte und Melodie treffen ins Herz. Eine Träne entwischt trotzdem und läuft schnell, kalt und schwer über meine Wange. Sonntag. Letzter Wandertag für mich. Und es scheint die Sonne. Nach dem feinen Regen von gestern, wieder Sonne! Mit oder ohne Schmerzen in den Beinen verlassen wir alle das Haus mit Kaffee und Keksen in der Hand. Die Luft ist stechend, der Geruch nach Meer und Erde ist stark, die Bäume stehen in Blüte. Bei Sonne ist gleich alles farbenfroher. Unsere Fotokameras – wie die kompakte mit eingelegtem Film unseres jungen Akteurs Filippo Gobbato – fangen das Gelb des Schilfs und das Blau der Gewässer ein, ebenso wie das Grün der Weideinseln und das Weiß der Stuten des Parks.

Der Leiter führt uns in die Geheimnisse des Naturreservats ein, bevor er uns den Weg nach Grado zeigt. Was uns stark zusetzt, ist nicht der weiche Boden des Reservats, sondern der harte Asphalt der dann kommt. Ich zahle meine schlechte Vorbereitung teuer, denn ich bewältige alle meine normalerweise wenige Stunden dauernden Sonntagsausflüge auf einmal. Beim Laufen zum Kaffee beim Golf Club von Grado fängt der Schmerz an. Nur das Gewicht des Rucksacks, der auf die richtige Stelle des Rückens drückt, ermöglicht es mir, mich zum Strand von Grado Pineta und schließlich in die Stadtmitte Grados zu schleppen.

Die Müdigkeit macht alle leiser. Der Winterstrand ist nicht so verlassen, wie man annehmen könnte, weil viele Kitesurfing-Freaks ihrem Sport nachgehen. Wir bleiben stehen und sehen den Sprüngen und den akrobatischen Kunststücken zu, trotz der leichten Bora, die den Kitesurfern die Sache einfacher und uns schwieriger gestaltet ... Entlang des Sandstrands wechsle ich die letzten Worte mit dem Bühnenbildner Andrea Gregoretti. Zwei Ambassadors, die heute die Gruppe begleiten, helfen mir in ein historisches Gebäude vor dem Kanal von Grado. Es ist an der Zeit, nach Hause zurückzukehren, natürlich nicht vor einem letzten Bier in Gesellschaft.

Sie gehen bis Aquileia weiter. Ich mache hier Halt. Natürlich kann ich nicht leugnen, einen gewissen Neid zu verspüren, denn mittlerweile hat mich die Wanderleidenschaft wie eine Droge erfasst. Es wird das nächste Mal sein. Bis bald, Leute!
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Irene Donatoni

Die Multiethnizität meiner Familie hat dazu geführt, dass ich in Geschichte und Kulturanthropologie mit einem Blick auf das Mitteleuropa promoviert habe. Ich wohne in Wien, komme aber oft zu kurzen und langen Ausflügen an die vom Großen Krieg gezeichneten Orte nach FJV zurück. Ich liebe es, alles zu teilen, was ich auf meinen Reisen, beim Lesen, auf Kongressen und Ausstellungen in Erfahrung bringe.

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